Der Wunschbruder

Roman, Oesterle, Kurt
536 S. Seiten,Gebunden
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"Er nannte sich Wolfgang. Früher hatte er Wenzel geheißen, ausgeschrieben Wenzeslaus, mit Nachnamen Bogatz, und war für einige Jahre der Pflegesohn meiner Eltern gewesen. Als mein Vater ihn hinauswarf, sagte er ihm zur Begründung: "Weil du den umbringst!" - und zeigte dabei schroff auf mich. Ich erschrak, und auch Wenzel erschrak; wir verstanden nicht, ahnten nicht einmal, was mein Vater genau meinte mit "umbringen". Dieses Erschrecken war unsere letzte Gemeinsamkeit gewesen. Am anderen Morgen fuhren wir ihn der Reihe nach zu seinen Verwandten, doch keiner wollte ihn, alle schickten ihn weg. Wir fuhren wieder nach Hause und verständigten telefonisch das Jugendamt; dann stellten mein Vater und ich ihn auf dem nächsten Bahnhof ab. Da stand er, knapp siebzehnjährig, zwischen seinen Habseligkeiten, darunter im schwarzen Kasten sein Saxophon, und wartete auf den Zug, der ihn fortschaffen sollte."

Max, ein geschwisterloser Junge, in Zeiten, als Einzelkinder unter dem Druck ländlich-bäuerlicher Tradition noch als Unglück galten, wünscht sich einen Bruder, um sein Unglück abzuschütteln. Er wünscht ihn sich mit so ungeheurer, nur Kindern erreichbarer Wunschkraft, dass er ihn bekommt: Es ist Wenzel, der vernachlässigte Flüchtlingsjunge. Doch die ersehnte Brüderlichkeit und die gemeinsame Familie scheitern. Wenzel, der sich als gefährlicher Sohn zu entpuppen scheint, wird von Maxens Vater nach vielen Kämpfen und Verirrungen weggejagt - die zweite Vertreibung eines Vertriebenenkinds. Jahrzehnte später begegnen die beiden sich wieder, es kommt nun aber nicht zu Abrechnungen. Vielmehr ist Max fasziniert, dass Wenzel trotz allerlei Versuchungen wie Drogen und Gewalt nicht untergegangen ist. Der Roman schlägt zwei Bögen aus der Vergangenheit in die Gegenwart und stellt somit zwei Lebensläufe nebeneinander: den eines Verwahrlosten, der noch mit dreißig versucht, elementare Bildung zu erwerben, und fürchtet, dass sein kleiner Sohn seinen Leidensweg wiederholen muss; dann den eines Wohlbehüteten und Hochgebildeten, der seiner Einsamkeit nicht entkommt.

Kurt Oesterle 1955 in Oberrot/Nordwürttemberg geboren, studierte Literatur, Geschichte und Philosophie, Dr. phil. Freier Autor und zwanzig Jahre lang Zeitungsjournalist, insbesondere für die Süddeutsche Zeitung und das Schwäbische Tagblatt; auch für die "Frankfurter Anthologie" der FAZ. Monographien über Wolfgang Koeppen und Peter Weiss. Essays u.a. zu Schiller, Heine, Hebel, Hauff oder Uhland ("Ich hatt' einen Kameraden"), wofür er 1997 den Theodor-Wolff-Preiss erhielt. 2002 erschien bei Klöpfer & Meyer sein hoch gelobtes Romandebüt "Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen". Ausgezeichnet mit dem Berthold-Auerbach-Preis und von der Darmstädter Jury zum "Buch des Monats" gewählt. 2003 folgte die vieldiskutierte, mehrfach aufgelegte Recherche "Stammheim. Der Vollzugsbeamte Horst Bubeck und die RAF-Häftlinge", 2008 die Neuauflage seiner beiden Sportgeschichten aus der Nachkriegszeit: "Mordwand und Todeskurve".

Mehr Informationen
Autor Oesterle, Kurt
Verlag Klöpfer & Meyer GmbH & Co. KG
ISBN 9783863510817
ISBN/EAN 9783863510817
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Lieferbarkeitsdatum 03.06.2014
Einband Gebunden
Format 4 x 21.9 x 14.5
Seitenzahl 536 S.
Gewicht 802
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